Luxus namens Platz

Ausblick von der Halde Rungenberg
Ausblick von der Halde Rungenberg

Diese Woche entdecke ich zwei schöne Orte und erlebe ein Konzert sowie eine Klangperformance mit Uraufführung eines kürzlich entstandenen Textes von mir.

Ort mit Aussicht

Es gibt einen Luxus, der mir in den vergangenen Wochen in Gelsenkirchen und Umgebung immer wieder beiläufig begegnet ist: Platz. Das betrifft die relativ niedrigen Mieten genauso wie die Grünflächen und Parks. Im Vergleich zu den überlasteten Parks in München (die ich in den vergangenen anderthalb Jahren intensiv studiert habe) geht es hier deutlich weniger trubelig zu, was sehr angenehm ist. So am Samstagvormittag letzter Woche auf der Halde Rungenberg. Zunächst bin ich etwas enttäuscht, weil ich während des gesamten Aufstiegs Verkehrslärm höre. Dann jedoch, oben angekommen, bin ich begeistert: Trotz bedeckten Himmels bietet sich eine ziemlich gute Sicht, und ich habe den Ort ganz für mich – diesen Luxus genieße ich und notiere ein paar Eindrücke:

zu hören

  • das knatternde Brummen eines kleinen Motorflugzeugs
  • das Schnattern eines Vogels
  • das gleichmäßige Rauschen fahrender Autos auf der A2
  • ein einzelnes Hupen
  • ein hohes, etwas heiseres Bellen
  • zweimal Matinshorn, sich überlagernd wie bei einem Kanon
  • das Summen von Insekten

zu spüren

  • der kühle Stein unter mir
  • Wind, vom Nacken über die Wangen und die Oberarme streichend
  • das leichte Zittern der vom Wind umspielten Kleidung
  • Haare, vom Wind sanft hinter den Ohren hervor ins Gesicht geweht

zu riechen

  • nicht viel
  • herübergeweht: abgenutzte Luft

(Zu schmecken gibt es für mich nichts Ortsspezifisches und zu sehen sehr viel – seht selbst:)

Park im Vergleich

Die Straßenbahnlinie 302, an der ich in Gelsenkirchen wohne, hat zwei Halte, die genauso heißen wie Stationen „meiner“ U-Bahn-Linie in München: „Westpark“ und „Alte Heide“, beides in Bochum. Besonders der erste Name macht mich neugierig, und so fahre ich diese Woche dorthin und schaue mich um. Ohne dass ich es beabsichtige, läuft in meinem Hinterkopf der Vergleich mit dem Park mit, den ich bereits kenne. Erst denke ich, es gibt überhaupt keine Ähnlichkeiten. Dann entdecke ich doch recht viele: Jogger, Hasen, Gänse, Musik, ein Plakat von „Fit im Park“, ein Schild „Baden und Betreten der Eisfläche verboten“, obwohl natürlich kein Eis in Sicht ist … Ein paar Unterschiede aber lassen sich festhalten. Der kleinere Bochumer Westpark bietet im Vergleich zu seinem Münchner Namensvetter:

  • zwar weniger Grün, dafür Industriedenkmäler
  • weniger Menschen und dadurch mehr Bewegungsfreiheit
  • einen Freiluft-Tanzkurs

Erstes Corona-Konzert

„Wir haben Euch vermisst“, ruft einer der beiden Gitarristen der Kölner Metal-Band Pripjat am Freitag auf der Sommerbühne auf Consol. Er schließt eine Umfrage an: „Für wen ist es das erste Corona-Konzert?“ Viele Hände schnellen in die Höhe. Auch für mich ist es das erste Konzert seit anderthalb Jahren, das ich live vor Ort erlebe. Ich genieße es, meine Schuhsohlen im Takt der Musik vibrieren zu spüren, die auf der Bühne produziert wird. Und zu erleben, wie sich die Energie von der spielfreudigen Band aufs Publikum überträgt. Und zum Metalgruß erhobene Hände zu sehen. Und Leute moshen, headbangen und Circle Pit tanzen zu sehen. Und einen, der crowdsurft. (Ich für meinen Teil halte Abstand und bin froh, dass es möglich ist, Abstand zu halten, gönne den anderen aber ihren Spaß und freue mich daran.)

Band Pripjat auf der Bühne (Seitenansicht)
Pripjat auf der Sommerbühne

Ungewöhnliche Intrumente

Außerdem erlebe ich am Freitag die Klangperformance von Mabel Yu-ting Huang, Dawid Liftinger und Ole-Kristian Heyer. Ein Toy Piano, ein Cello und ein Baugerüst kommen dabei als Instrumente zum Einsatz. Die Improvisation der drei Kunstschaffenden reagiert auf den Ort und schließt Fragmente meines kürzlich entstandenen Textes „Die volle Ladung aus Schalke“ ein: Die drei rezitieren Fragmente aus dem Text, verändern die Reihenfolge, wiederholen bestimmte Passagen und lassen andere weg, spielen mit dem Text und eignen sich ihn künstlerisch an – ein Prozess, der für mich als Autorin sehr anregend ist und bei dem ich mehr über den Text erfahre. (Er wird beizeiten sicher an einem geeigneten Ort erscheinen, ich gebe Bescheid, wenn’s soweit ist.) Vielen Dank an Ulrich Leimkötter fürs gelungene Foto der Performance!

Rückansicht Ole-Kristian Heyer mit Cello vor Publikum
Blick über die Schulter von Ole-Kristian Heyer am Cello Richtung Publikum und Mabel Yu-ting Huang am Toy Piano. Foto: Ulrich Leimkötter

Aus dem Wortschatz gebannt

Auch diese Woche schnappe ich etwas auf, das ich so noch nicht gehört habe: Auf einer Veranstaltung entschuldigt jemand einen anderen mit den Worten, der Betreffende sei wegen verkehrstechnischer Probleme noch nicht wie geplant nach Gelsenkirchen zurückgekehrt und befinde sich noch in der „verbotenen Stadt“. Ich bin mir fast sicher, dass Dortmund gemeint ist.

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